„Wir brauchen einen originär europäischen Ansatz“
China und die USA geben bei KI und Digitalisierung das Tempo vor. Wie Europa mit eigenen, vertrauenswürdigen Lösungen aufholen und seine digitale Souveränität stärken will, zeigt die SCCON 2026.

Die Smart Country Convention 2026 startet in Berlin mit Rekordzahlen und optimistischen Perspektiven für ein digital starkes Europa. Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, zeigt sich bei der Eröffnung stolz darauf, bereits zum zweiten Mal die Schirmherrschaft für die Veranstaltung zu übernehmen. In ihrem neunten Jahr zählt die SCCON mittlerweile zu den größten Digitalisierungsevents weltweit, betont er.
650 Aussteller, mehr als 800 Speaker
„Dies ist die größte Smart Country Convention, die wir je hatten“, bestätigt Dr. Mario Tobias, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin. Mehr als 650 Aussteller aus 16 europäischen Ländern füllen die drei komplett ausgebuchten SCCON-Hallen. Für die drei Veranstaltungstage werden etwa 23.000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Auf sieben Bühnen sind mehr als 800 Speaker angekündigt, über 1.000 Sessions stehen auf dem Programm.
Angesichts zunehmender Cyberattacken und der Bedrohung kritischer Infrastruktur gehe es nicht mehr nur darum, Digitalisierung „smart und schnell zu machen, sondern auch resilient und sicher“, betont Tobias. Das sei „kein Bubble-Thema“, das an Grenzen Halt mache. „Was wir brauchen, ist ein originär europäischer Ansatz."
Auch Dr. Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbands Bitkom, der die SCCON gemeinsam mit der Messe Berlin veranstaltet, sieht Handlungsbedarf. 91 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wünschen sich einen digitaleren Staat mit effektiveren Kommunikationsstrukturen. Doch staatliche Institutionen seien nicht für digitale Prozesse angelegt. Die Transformation brauche Zeit und Geduld – „und trotzdem müssen wir schneller werden.“
Europa muss seinen eigenen digitalen Weg finden
China und die USA haben ein rasantes technologisches Rennen eröffnet, in dem Europa nicht hinterherlaufen dürfe, warnt Wintergerst. Nicht digitalisierte Staaten hätten einen Wettbewerbsnachteil. Hinzu kommen Sicherheitsrisiken: Einige Unternehmen aus anderen Weltregionen hantierten mit KI-Produkten, obwohl ihnen deren Sicherheitsmängel bekannt seien. „Keine andere Industrie würde das so zulassen. Oder würden Sie sich in ein Flugzeug setzen, das nicht sehr gründlich geprüft wurde?“, fragt er. „Wir müssen unseren eigenen, europäischen Weg finden.“ Viele Lösungen seien auf der SCCON bereits zu sehen. Jetzt gelte es, möglichst viele davon in den Markt zu bringen, um Hebelwirkungen zu erzielen.
Portugal zeigt, wie schnell Digitalisierung gelingen kann
Wie schnell sich staatliche Strukturen digitalisieren lassen, zeigt Portugal, Partnerland der Smart Country Convention 2026. Das Land mit zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern belegt im globalen Digital Government Index der OECD Platz drei unter 42 Ländern. Nur Australien und Südkorea erreichen einen höheren Digitalisierungsgrad ihrer Verwaltung.
Im Frühjahr 2026 führte Portugal als erstes EU-Land die Digitale Business Wallet ein – mit großem Erfolg, wie Goncalo Matias, Minister für Staatsreform und öffentliche Verwaltung, berichtet. Jeder zweite in der portugiesischen Bevölkerung nutze die Wallet bereits, alle Dokumente seien dort abrufbar. Der Staat setzt auch KI-Agenten ein, um Bauprojekte schneller umzusetzen und das Vertragswesen zu vereinfachen.
„Jede finale Entscheidung trifft am Ende ein Mensch“, betont Matias. Einfache Suchen und Abgleiche könnten Maschinen erledigen. „Die menschliche Intelligenz können wir sinnvoller nutzen.“ Wenn die EU ihre digitalen Lösungen vernetze, „können wir mit dem Smartphone in der Hand in ganz Europa Geschäfte machen. Das ist die Vision: Es ist eine neue Welt.“