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Wie Dänemark das Schulsystem digitalisiert hat | Botschafter-Interview mit Friis Petersen

Botschafter-Interview mit Friis Petersen

Die vergangenen Wochen haben Lehrern, Schülern und Eltern in Deutschland eindrücklich gezeigt, dass unser Bildungssystem nicht mehr zeitgemäß ist. Die Digitalisierung in der Bildung darf nicht länger stiefmütterlich behandelt werden. Wir haben mit dem dänischen Botschafter Friis Arne Petersen über das digitale Schulsystem in Dänemark gesprochen.  

Herr Petersen, Dänemark zeigte uns bereits im Jahr 2018 als erstes Partnerland der Smart Country Convention, dass es bei der Digitalisierung in allen Bereichen Vorreiter ist. Wie ist Dänemark vorgegangen, als es darum ging, die Schulen zu digitalisieren?

Friis Arne Petersen: Die dänische Regierung hat bereits 2012 ein Budget von 500 Mio DKK, also etwa 67 Mio Euro bereitgestellt, um IT in den Unterrichtsalltag zu integrieren. In den darauffolgenden fünf Jahren arbeiteten die Bildungsinstitutionen und Ministerien gemeinsam daran, drei Ziele zu verwirklichen. Der Markt für digitale Lehrmittel sollte ausgebaut werden, es sollte ein einfacher und überschaubarer Zugang zu digitalen Lehrmitteln geschaffen werden und die gesammelten Erfahrungen in Versuchs- und Forschungsprojekten beziehungsweise Erkenntnisse zu diesem Thema sollten möglichst allen ganz einfach zur Verfügung gestellt werden können. Dazu gab es mehrere ganz konkrete Initiativen. Die Kommunen haben beispielsweise ein Budget zum Einkauf von digitalen Lehrmitteln zur Verfügung gestellt bekommen, es wurde ein Lehrernetzwerk zum Austausch von Erfahrungen im Bereich Digitalisierung aufgebaut und die Effekte der digitalen Medien im Unterricht wurden kontinuierlich gemessen. Seit 2017 gibt es in jeder dänischen Kommune eine Lernplattform von einem der fünf IT-Unternehmen in Dänemark, die diese Software entwickeln und betreiben. Genutzt werden diese Lernplattformen zur Planung, Durchführung und Evaluierung des Unterrichts, also quasi für jede Phase des Schulalltags.

In Deutschland haben die Lehrer unglaublich viel auf dem Tisch, in Dänemark sicherlich auch. Wie hat ihr Land es geschafft, dass alle mitziehen und sich auch die älteren Lehrer Digital Skills aneignen und in den Unterricht integrieren?

Hier wurde bei der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrern angesetzt. Die Kompetenzentwicklung aller Lehrenden stand und steht im Fokus, dafür wurde ein passendes Fort- und Weiterbildungsangebot geschaffen. Dieses unterliegt einem kontinuierlichen Monitoring und wenn etwas nicht funktioniert, dann wird es geändert. Bei diesem Bildungsangebot für die Lehrerinnen und Lehrer haben Ministerien und Verbände eng zusammengearbeitet, auf diese Weise sind die Meinungen und Erfahrungen aus vielen Perspektiven zu Wort gekommen. Natürlich sind auch einige dänische Unternehmen in diesen Prozess involviert. Sie produzieren spezielle Bildungssoftware und haben viele wichtige Erfahrungen gesammelt, die wahrscheinlich auch für den deutschen Bildungsbereich zutreffen.

Mit welchem Alter lernen die Kinder den Umgang mit digitalen Medien in der Schule und ab wann nutzen Sie technische Geräte wie Tablets oder Laptops erstmals im Unterricht?

Das ist unterschiedlich von Schule zu Schule. In Dänemark sind landesweit nur die  Lernziele definiert, aber wie diese erreicht werden, das liegt zu einem großen Teil in der Verantwortung der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer. Kinder sollen eine IT- und Medienkompetenz entwickeln, das bedeutet, sie sollen wissen, wie man Wissen in den digitalen Medien findet und teilt, auf verschiedenen digitalen Wegen kommunizieren können, an digitalen Prozessen teilnehmen und sie sollen auch die Fähigkeit erlangen, eigene Inhalte zu erstellen. Mit Hilfe von Computern oder Tablets produzieren die Kinder selbst kleine Computerspiele, mathematische Formeln zum Erstellen von Modellen und sie werden kreativ, indem sie eigene multimediale Erzählungen schaffen. Das geschieht beispielsweise meistens schon ab der zweiten Klasse.

Welchen Stellenwert räumt Dänemark Schulfächern mit digitalem Fokus wie Programmieren ein?

Programmieren oder Coden sind keine eigenständigen Schulfächer. Diese Kompetenzen werden eher als Methoden angesehen, die in verschiedenen Schulfächern zum Einsatz kommen, um beispielsweise mathematische Modelle darzustellen oder auf multimediale Weise Inhalte zu produzieren.

Aktuell läuft allerdings ein Versuchsprojekt vom Kinder- und Bildungsministerium zum Thema Technologieverständnis. Kinder sollen lernen, die Inhalte in den digitalen Medien nicht nur zu konsumieren, sondern selbst beizutragen und die Inhalte in der digitalen Umwelt mit gestalten. Hierbei wird das Programmieren als Kompetenz auch stärker gefördert. 2021 wird dieser Versuch dann evaluiert und entschieden, ob „Technologieverständnis“ auch als Unterrichtsinhalt mit aufgenommen werden soll.  .

Viele Eltern in Deutschland sorgen sich, dass ihre Kinder „always on“ sind. In England wurde das Fach Achtsamkeit verpflichtend eingeführt, in dem Meditation, Stressabbau und Emotionsregulation auf dem Plan stehen. Was halten sie davon, wäre das auch für die Dänen etwas?

Die Balance zwischen den verschiedenen Aktivitäten im Alltag zu finden, das ist eine sehr wichtige Kompetenz. Dabei kann der Ausgleich zur Zeit, die man vor einem Bildschirm verbringt, sehr unterschiedlich aussehen. Manche fahren gerne Rad, andere entspannen beim Klavier spielen und wieder andere gehen gemeinsam Fußball spielen. Wichtig ist, dass man die eigenen Grenzen und die der Menschen um einen herum erkennen kann und respektiert. Das ist tatsächlich ein Inhalt, der an dänischen Schulen vermittelt wird. Außerdem lernen Kinder und Jugendliche an Dänemarks Schulen viel über Selbstvertrauen, Engagement und Lebensfreude. Wie diese Werte und Inhalte vermittelt werden, das ist wieder sehr unterschiedlich, denn jede Schule verfolgt andere Methoden.

Die Corona-Pandemie hat auch Dänemark in den Ausnahmezustand versetzt und die Schulen haben geschlossen. In Deutschland meistern nun viele Eltern ihr Home Office und das Home Schooling ihrer Kinder parallel, weil digitaler Unterricht ein Novum ist. Wie sieht es gerade in dänischen Wohnzimmern aus? Gehen die Kinder und Jugendlichen ganz selbstverständlich ins digitale Klassenzimmer?

In dieser besonderen Situation haben die dänischen Schulen ganz klar von den bereits vorhandenen Erfahrungen im Bereich digitale Bildung profitiert. Die digitalen Lernplattformen gibt es landesweit seit Ende 2017, gerade kurz nach der Schließung der Schulen im März 2020 gab es trotzdem viele Fragen seitens der Eltern und Kinder. Diese konnten jedoch über das digitale Kommunikationsforum für Schulen und Familien AULA geklärt werden. Generell war die Kommunikation zwischen Kommunen, Schulen und Familien am Anfang sehr umfangreich und das weitere Vorgehen wurde genau erklärt. Die digitalen Lerninhalte sind sehr gut in den Lernplattformen integriert und das Bildungsministerium hat einige wichtige Informationen für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und die Schulleitung herausgegeben. Was die Infrastruktur angeht, sieht es ganz gut aus in Dänemark. Die Haushalte sind fast zu 100% sowohl mit Computern als auch mit WLAN ausgestattet.

Herr Petersen, vielen Dank, dass wir erneut von Dänemark lernen dürfen und Sie uns unsere Fragen beantworten!

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